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Mit dem Hausboot auf dem Canal du Midi

Nordwest-Zeitung | 13.08.2016

Unser Feriendomizil ist fast zwölf Meter lang, vier Meter breit und ausgestattet mit drei Doppelkabinen, drei Nasszellen und einer kompletten Küche. Es liegt im Hafen des Dorfes Argens-Minervois und ist ein Hausboot, für das man keinen Bootsführerschein braucht. Eine kurze Einweisung reicht.

Giullaume, der Techniker, erklärt uns jeden Knopf. Den Bugstrahler. Die Hupe. Den Scheibenwischer. Dann lernen wir, wie man einen Knoten macht: einfach eine „Acht“ legen, zwei Schlaufen, fertig. Dabei sind die Knoten mein kleinstes Problem. Lieber wüsste ich, wie ich dieses Boot durch die Hafeneinfahrt oder eine Schleuse bekomme. Oder wie ich rückwärts einparke. „Keine Sorge, du schaffst das“, sagt Giullaume nach einer Probefahrt, „schau einfach, wie das Boot reagiert“.

Am nächsten Morgen. Wir müssen uns entscheiden: Richtung Carcassonne, der mittelalterlichen Festungsstadt? Oder Richtung Béziers und Narbonne? Wir entscheiden uns für Letzteres. Langsam schiebe ich den Gashebel nach vorne. Hannah und Geeske, meine Töchter, spielen Titanic.

Ich gewöhne mich schnell an die Trägheit des Schiffes. Mit sechs, höchstens acht Stundenkilometern gleiten wir durch das Languedoc-Roussillon, das größte und älteste Weinbaugebiet der Welt, am Horizont die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen. Radfahrer überholen uns auf dem Treidelweg am Ufer. Platanen spenden Schatten.

Unsere erste Schleuse hat, typisch für den Canal du Midi, die Form einer Olive. Wir meistern sie ohne Probleme, das familiäre Teamwork klappt. Unsere erste Nacht verbringen wir in Le Somail, einem französischen Bilderbuch-Dorf, mit einer alten gewölbten Steinbrücke über dem Kanal und mehreren guten Restaurants. Direkt am Kanal liegt auch das Antiquariat der Madame Gourgues. In einem ehemaligen Weinlager warten mehr als 50?000 Bücher auf Leser, darunter bibliophile Raritäten, die älteste aus dem Jahre 1598.

In Le Somail drängeln sich die Boote. In Salléles d’Aude, nur einen halben Tag und fünf Schleusen später, sind wir die einzigen Hafengäste. Auf einer Bank in der Dorfmitte sitzen die Alten, Männer und Frauen, auf den Stock gestützt. Der Markt besteht aus zwei Ständen. Die Leute grüßen. Französisches Alltagsleben.

Die Weinreben am anderen Ufer des Kanals gehören zur Domaine Fondelon. In Holzfässern reifen vor allem Rotweine, aber auch – wenn das Wetter mitspielt – der edle Viognier, ein Weißwein, ungefähr so selten wie eine Winzerin. Marine Granel, die den Familienbetrieb in elften Generation führt, kann 700 bis 800 Flaschen davon im Jahr abfüllen. Wir nippen andächtig, bei einer Weinprobe mit Tapas.

Mit dem Fallwind Tramontane, einem Verwandten des Mistral, im Rücken geht es südwärts. Wir sind auf dem Canal de la Robine. Die Glockentürme der Kathedrale von Narbonne markieren unser nächstes Ziel. Der Kanal führt mitten durch die Stadt, unter einer Häuserbrücke hindurch. Dahinter links die Promenade und rechts die alte Markthalle – sehr praktisch. Mit gefülltem Kühlschrank tuckern wir weiter.

Kurz hinter der Schleuse von Mandirac weitet sich der Blick, begrenzt nur von Hügelketten im Westen und Osten. Davor Reisfelder, Störche, mit Glück auch Flamingos. Und der Etang de Bages, eine Art Salzwasserhaff, sehr fischreich und erst seit gut 50 Jahren malariafrei.

Uns begegnet keine einzige Mücke, dem Tramontane sei Dank. Er weht statistisch gesehen an mindestens jedem zweiten Tag im Jahr und vertreibt die Wolken, macht aber Hobby-Skippern mitunter auch das Leben schwer, vor allem bei Böen. Unser Tipp: einfach festmachen, drei lange Erdnägel liegen bereit. Die schönsten Liegeplätze sind mitten in der Natur.

Wir genießen das Leben an Bord. Dass wir auf der Rückfahrt noch die Hafenmauer von Narbonne touchieren – egal. Dass wir unter den kritischen Blicken anderer Touristen manch eine Schleuse nur schlingernd passieren – c’est la vie. Dass aber niemand sieht, wie wir ganz am Ende das Boot souverän mitten auf dem Kanal wenden, das ist doch ein bisschen schade.

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