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Darßer Türen

Wo die Sonne auch bei Regen scheint Nordwest-Zeitung | 03.11.2018


Sie sind auf der Halbinsel Darß ein beliebtes Fotomotiv und bald vielleicht sogar immaterielles Weltkulturerbe: die Darßer Türen. Und sie werden noch heute von einer Kunsttischlerei hergestellt. Ein Werkstattbesuch.


Irritiert steht der Besucher vor einem länglichen Bau am Ortsrand von Prerow. Hier soll sie sein, die Werkstatt der Brüder René und Dirk Roloff? Schon jetzt steht fest: Der große Bohei ist ihre Sache nicht. Viel unspektakulärer kann die wohl berühmteste Kunsttischlerei von Mecklenburg-Vorpommern eigentlich nicht daherkommen. Immerhin: Die Eingangstür ist so, wie man es erwartet: eine echte Darßer Tür, in traditionellem Rotbraun, mit der unvermeidlichen Sonne und einem schwungvoll gestalteten Oberlicht.

Die Werkstatt selbst ist nur ein kleiner Raum, zu klein eigentlich für einen Drei-Mann-Betrieb, sagt der 53-jährige René Roloff. Aber damit leben sie, seit Jahrzehnten schon. Sein vier Jahre jüngerer Bruder Dirk schnitzt gerade mit verschiedenen Eisen einen Tulpenstrauß. Und Steffen Bläsing, der Dritte im Bunde, streicht ein Stück Holz, ganz entspannt, mit einer Hand in der Hosentasche.

Die Werkstatt ist fast ein kleines Handwerksmuseum. Allein die vielen Schnitzeisen mit den unterschiedlichsten Klingen. Oder all die Hobel, weit mehr als 100 sind es, der älteste vielleicht von 1750. „Man kann von diesen Hobeln gar nicht genug haben“, sagt René Roloff, gerade wenn es gilt, eine alte Tür zu restaurieren. In seinem Büro hat Roloff auch noch Zollstöcke, auf denen tatsächlich noch der Zoll als Maßeinheit verzeichnet ist. „Woanders steht dran: 'Bitte nicht berühren'. Bei uns werden die noch benutzt.“

Nur Türen sind keine da. „Die stehen nicht lange.“ Die Wartezeit liegt aktuell bei vier bis fünf Monaten. Das Entscheidende sind oft auch gar nicht die Türen, sondern die Ornamente. Sie erzählen mitunter eine ganz eigene Geschichte, für Außenstehende schwer lesbar. Manche Motive wurzeln noch im Aberglauben vergangener Tage. Ein Kreuz, oft versteckt, soll zum Beispiel helfen, „böse Mächte abzuwehren, damit deren Zauber nicht ins Haus dringt“, erzählt René Roloff. Und ein Schuppenmuster, bei dem die Spitzen nach oben zeigen, soll vor Blitzschlag schützen. Ein Anker wiederum lässt darauf schließen, dass der Hausbesitzer zur See fuhr. Traditionelle Motive sind auch Lebensbaum und Tulpen. Und immer wieder die aufgehende Sonne, als Symbol für Licht und Leben. Sie fehlt auf keiner Tür, und sei es als kleines Nebenmotiv.

René Roloff ist nicht nur Tischlermeister, Holzbildhauer und Restaurator, sondern auch Bürgermeister von Prerow. Er und sein Bruder sind außerdem geschäftstüchtig genug, um sich den Begriff „Darßer Tür“ schützen zu lassen. „Wir wollen nicht, dass eines Tages Darßer Türen in China hergestellt werden“. Auch einige der Ornamente sind geschützt, darunter die Tulpen-Motive, die die Roloffs selbst entworfen haben.

Wer ein paar besonders schöne Beispiele sehen will, muss einfach nur durch Prerow laufen. Allein hier gibt es mehr als 100 Darßer Türen. Auf der gesamten Halbinsel sind es mehr als 200. Besonders stilecht wirken sie immer noch in einem alten Kapitänshaus, unter einem Dach aus Schilfrohr, die Halme dicht an dicht.

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts prägen Haustüren mit Ornamenten, anfangs noch einfarbig, das Ortsbild der Darßer Dörfer. Zu denen, die früh solche Türen bauten, gehörte Carl Gustav Belke, ein Urururgroßvater von René und Dirk Roloff. Der gebürtige Stralsunder taucht 1832 im Trauregister von Prerow auf. Damals, in der Blütezeit der Segelschifffahrt, kamen viele talentierte Handwerker auf den Darß. Doch ab etwa 1880 ging es mit der Segelschifffahrt bergab. Und wer weiß, vielleicht wäre der Türenbau sogar in Vergessenheit geraten, hätte nicht 1931 der damalige Bürgermeister von Prerow für das neue Gemeindeamt in der Tischlerei Roloff eine Tür bestellt. „Das war die erste Tür, bei der man es bunt versucht hat“, sagt René Roloff. Die Tür, die heute den Eingang der Kurverwaltung schmückt, löste geradezu einen Boom aus.

Und so lebt die alte Handwerkstradition in der Familie Roloff in sechster Generation fort. Vermutlich wird ihnen die Arbeit auch in Zukunft nicht ausgehen. Denn zum einen sieht man die bunten Türen auf der Halbinsel auch in vielen neuen Häusern. Und zum anderen liefern sie deutschlandweit und sogar ins Ausland. Und doch hat sich eine Menge verändert, bei den Türen, beim Holz und auch bei den Motiven. Inzwischen sieht man auch Leuchtturm, Möwe, Segelschiff und die sogenannten Windflüchter. Auf Wunsch schnitzen sie für bayrische Kunden auch ein Edelweiß. Es muss zur regionalen Tradition passen, das ist den Brüdern wichtig, sonst blutet das Handwerkerherz. Wenn es aber darum geht, eine alte Tür zu restaurieren, wenn sie eine Farbschicht nach der anderen freilegen und ganz langsam „dem Geist dieser Tür nahe kommen“, dann schlägt dieses Handwerkerherz immer noch ein bisschen schneller.

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