Lädt...
Lädt...
WolfgangStelljes.de

Der Henker vom Emsland

Hamburger Abendblatt | 29.04.2005

Aschendorf. April 1945, auf einer Landstraße nahe der niederländischen Grenze. Der 19 Jahre alte Gefreite Willi Herold schleppt sich, die Front im Rücken, in Richtung Norden. Der Schornsteinfegerlehrling aus der Nähe von Chemnitz hat in den Monaten zuvor schwere Kämpfe miterlebt, unter anderem bei Monte Cassino und in der Normandie. Seit Ende März ist er von seiner Einheit getrennt.

Zwischen Gronau und Bentheim weckt ein im Straßengraben liegendes Fahrzeug sein Interesse. Im Wagen findet Herold eine Offizierskiste - mit einer deutschen Fallschirmjägeruniform und Tapferkeitsauszeichnungen. Die Uniform sitzt tadellos und verleiht ihrem Finder Autorität. Schon auf den folgenden Kilometern unterstellen mehrere versprengte Soldaten sich dem Befehl des vermeintlichen Hauptmanns. Auf dem Weg nach Meppen wächst seine "Einheit" weiter und umfaßt schließlich mehr als ein Dutzend Gefolgsleute.

Wer an den "Hauptmann von Köpenick" denkt, liegt falsch. Mit der Uniform wird aus dem Gefreiten Herold der "Henker vom Emsland".

Etwa zur gleichen Zeit beginnen in den nördlichen Emslandlagern die sogenannten Todesmärsche. Tagelang werden die ausgemergelten Häftlinge durch die Gegend getrieben. Unter ihnen ist auch Hans-Hinrich Woltemade. Seit Ende 1942 ist er im Konzentrationslager Esterwegen, weil er sich in Norwegen geweigert hat, einen völkerrechtswidrigen Befehl auszuführen. Woltemade, dessen Todesurteil in eine Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, trägt an seiner Häftlingskleidung die Nummer 1863/42. Und ein großes "F", weil er zwei gescheiterte Fluchtversuche hinter sich hat. Mit etwa 3000 anderen Gefangenen wird er nun in das überfüllte Lager Aschendorfermoor bei Papenburg gebracht.

Die Gruppe um "Hauptmann" Herold hat inzwischen Meppen hinter sich gelassen. Auf ihrem Marsch nach Norden kommen ihnen Gerüchte zu Ohren: Gefangene aus den Emslandlagern seien geflohen. Am 11. April erreicht Herold mit seinem Troß das Lager Aschendorfermoor. Er täuscht standgerichtliche Befugnisse vor. "Der Führer persönlich", verkündet er naßforsch, habe ihm "unbeschränkte Vollmacht erteilt".

Das autoritäre Gebaren zeigt Wirkung. Herold läßt sich zu einer Arrestbaracke führen, in der Häftlinge sitzen, die einen Fluchtversuch hinter sich haben. Einige von ihnen räumen zudem den Diebstahl von Zivilkleidung ein. Sie werden auf der Stelle erschossen. Jetzt erst informiert der Lagervorsteher seinen Vorgesetzten, einen Juristen. Der nimmt sich der Sache nur halbherzig an. Herold selbst sucht den Kreisleiter im nahen Aschendorf auf. Er wünscht für weitere Erschießungen den Segen der Partei. Der Kreisleiter wünscht "Hals- und Beinbruch".

Währenddessen beobachtet Hans-Hinrich Woltemade aus seiner Baracke, wie ein Arbeitskommando von Häftlingen eine große Grube aushebt. Kurz darauf kehrt Herold ins Lager zurück. 30 der Häftlinge, die einen Fluchtversuch hinter sich haben, müssen sich am Rand der Grube aufstellen. Sie werden von Herolds Leuten und den Lagerwachen mit einem Flakgeschütz, Gewehren und Handgranaten niedergemetzelt, ohne auch nur angehört worden zu sein. Danach muß die nächste Gruppe antreten.

Als die Waffen endlich schweigen, liegen fast 100 zerfetzte Körper in der Grube. Auch in den Tagen darauf kommt es immer wieder zu willkürlichen Erschießungen. Mehrfach durchstreifen Suchtrupps die Umgebung des Lagers. Elf geflohene Häftlinge werden aufgestöbert und müssen ihr eigenes Grab schaufeln.

Am 19. April setzen alliierte Luftangriffe dem mörderischen Treiben ein Ende. Viele Häftlinge flüchten ins Moor, unter ihnen Hans-Hinrich Woltemade. Er harrt tagelang in einem Torfhaufen aus. Niemand sucht ihn. Er schlägt sich nach Oldenburg durch.

Die näherrückende Front zwingt auch Herold und seine Kumpane zum Aufbruch. Auf dem Weg nach Leer hängen sie einen Bauern, weil er eine weiße Fahne gehißt hat. Ein letztes Mal fühlt Herold sich Ende April als Scharfrichter aufgerufen. Im Gefängnis des Polizeireviers in Leer sitzen fünf Niederländer wegen angeblicher Spionage. Nach einem zehnminütigen Scheinprozeß werden sie hingerichtet.

Im August 1946 beginnt in Oldenburg ein Kriegsverbrecherprozeß, wie es ihn in der britischen Zone noch nicht gegeben hat. Auf der Anklagebank 14 Männer. Sie werden beschuldigt, für den Tod von 125 Menschen verantwortlich zu sein. Jeder Angeklagte trägt ein Schild mit einer Nummer vor der Brust. Die Eins bleibt Herold vorbehalten.

Er zeigt keinerlei Schuldbewußtsein. Die Frage des Anklägers, ob "die Erschießung all dieser Männer" sein Gewissen belastet habe, beantwortet er mit "Nein". Am 29. August 1946 werden Herold und sechs Mitangeklagte zum Tode verurteilt. Einer von ihnen wird später begnadigt, die anderen sterben am 14. November 1946 unter dem Fallbeil im Gefängnis von Wolfenbüttel.

← zurück zur Übersicht ↑ nach oben