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Hotel Dalen, Norwegen

Die Zeit | 21.08.2003

Es knarrt. Kein Schritt auf dem langen Gang des Dalen Hotels ohne Nebengeräusche. Doch daran scheint sich kein Gast zu stören, denn wer hier einkehrt, hat ein Faible für historische Holzbauten. Und das Dalen Hotel in der Telemark ist geradezu ein Palast aus Holz, noch dazu einer der prächtigsten aus der Blütezeit des norwegischen Tourismus vor dem Ersten Weltkrieg.

Man kann sich prima vorstellen, wie Kaiser Wilhelm II. und auch britische Aristokraten es sich hier gut gehen ließen, wie sie durch die Flügeltür am Ende des Gangs schritten und in den schweren Chesterfield-Ohrensesseln der großen Halle einen Tee tranken oder in den drei kleinen Salons, von denen man direkt auf den Bandak-See blickt. Das Ergebnis ist stets das Gleiche. Irgendwann stellt sich ein, was bereits die ersten Gäste im Jahre 1894 zu schätzen wussten: der kleine Seelenfrieden.

Um Publikum brauchte man sich kaum zu sorgen. Das Haus lag verkehrsgünstig, außerdem war erst zwei Jahre zuvor das letzte Teilstück des Telemarkkanals eröffnet worden, ein Meisterwerk damaliger Wasserbaukunst. Er verband Skien und Dalen und damit die Schärenküste am Skagerrak mit den südlichen Ausläufern der Hardangervidda, der größten Hochebene Europas. Es dauerte nicht lange, und Könige, Kaiser und Kronprinzen gaben sich in Dalen die Klinke in die Hand. Fließendes Wasser, ja sogar elektrisches Licht – wo gab es das schon zu einer Zeit, in der das Reisen, zumal in Norwegen, noch mit Anstrengung verbunden war.

Doch schon im Ersten Weltkrieg blieben die Gäste aus, im Zweiten dann waren sie ungebeten: Die deutsche Wehrmacht beschlagnahmte das Gebäude. Was übrig blieb, schien gerade noch gut genug als Übungsobjekt für die örtliche Feuerwehr. Bis sich in den achtziger Jahren ein großer Streit entzündete: Die einen wollten aus dem Hotel eine Frauenuniversität machen, die anderen genau dies in Gottes Namen verhindern. Das immerhin lenkte die Aufmerksamkeit geschäftstüchtiger Kreise auf das Objekt.Mittlerweile erstrahlt es wieder in altem Glanz, renoviert unter den Augen des obersten norwegischen Denkmalpflegers.

Insgesamt 30 »historische Hotels« gibt es in Norwegen, und kaum ein anderes verdient dieses Adjektiv so uneingeschränkt wie das Dalen Hotel. Allein die Fassade – einerseits streng symmetrisch, andererseits gebrochen durch Türmchen, Giebel und Veranden. Und gekrönt von Drachenköpfen, wie man sie von Wikingerschiffen oder Stabkirchen kennt. Die 38 Zimmer sind zum Teil recht einfach und auch klein. Das Bad ist sozusagen eine Art Konzession an die Moderne. Minibar und Fernseher gibt es nicht, man hat allerdings auch nicht den Eindruck, dass das Publikum dergleichen vermisst. Denn abends, wenn wie vor 100 Jahren das Holz im Kamin knistert, versammelt man sich ohnehin im Salon, bei Mozart-Klängen vom Klavier. Kaiser Wilhelm würde sich sofort zurechtfinden, nur legerer geht es inzwischen zu. Ansonsten hat sich nicht viel verändert. Als traditionelles Sommerhaus schließt das Dalen Hotel immer noch von Anfang Dezember bis kurz nach Ostern. In der übrigen Jahreszeit aber knarrt es.

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