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Broiler, Stasi und Steak Strindberg

Süddeutsche Zeitung | 6.12.2012

Rumpsteak Strindberg, Karlsbader Schnitte – dafür war das Hotel Neptun in Warnemünde zu DDR-Zeiten berühmt – und berüchtigt für die Stasi, die hier die Westgäste bespitzelt haben soll. Uwe Barschel, Hans-Dietrich Genscher, Angela Merkel – sie alle waren hier und wurden bedient von Küchenchef Michael Sellmann und Oberkellner Jörg-Peter Sellmann. Die Brüder arbeiten im Hotel seit dessen Gründung 1971.


SZ: Kochen zu DDR-Zeiten war sicher nicht einfach. Sie mussten sehen, wo Sie die Zutaten herbekommen.

MICHAEL SELLMANN: Stimmt. Hat aber auch Spaß gemacht. Wenn man weniger Produkte hat und daraus verschiedene Gerichte machen will, ist die Kreativität gefordert.

Zum Beispiel?

MICHAEL SELLMANN: Buffets mit Heringsspezialitäten ohne Ende.

Was war früher der Klassiker?

JÖRG-PETER SELLMANN: Steak, Karlsbader Schnitte, Kabeljau.
MICHAEL SELLMANN: Findet man heute kaum noch. Genauso wie das Rumpsteak Strindberg.

Was hat die Wende überdauert?

MICHAEL SELLMANN: Warnemünder Heringssalat. Und Scholle mit Gurkengemüse. Und natürlich die Broiler im gleichnamigen Restaurant, das immer ausgebucht ist.

Was wird am häufigsten bestellt?

MICHAEL SELLMANN: Zanderfilet. Die Leute gucken aufs Meer - und auf was kann man da mehr Appetit haben als auf frischen Fisch.

Sie haben viele Politiker bekocht, auch bei offiziellen Anlässen.

MICHAEL SELLMANN: Für Königin Silvia von Schweden haben wir in Greifswald in einer Bibliothek gekocht. Die Feuerwehr stand neben uns.
JÖRG-PETER SELLMANN: Oder als Olaf Palme in Stralsund war, mit Erich Honecker. Da haben wir die Gäste über zwei Tage betreut. Das war mit Aufwand verbunden.

Und die Leute von der Stasi, haben die Ihnen nicht in den Topf geguckt?

MICHAEL SELLMANN: Doch. Ich kam mit denen eigentlich ganz gut aus. Mich hat nie einer gefragt, ob ich da mitmachen will. Die hatten genug Leute vor Ort, denke ich mal.
JÖRG-PETER SELLMANN: Wenn Politiker da waren, Günter Gauß zum Beispiel, dann kamen die in dunklen Mänteln, nicht zu auffällig, aber man wusste schon: Die sind von der Sicherheit.
MICHAEL SELLMANN: Wissen Sie, wann hier die größte Überwachung stattfand? 2002, als die Fußballnationalmannschaft der USA im Haus war.

Hatten die kulinarische Sonderwünsche?

MICHAEL SELLMANN: Die wollten Hamburger. Da haben wir bei McDonalds angerufen. Die haben normalerweise keinen Lieferservice, aber als wir gesagt haben, dass es für die amerikanische Fußballnationalmannschaft ist, haben sie geliefert.

Welcher Gast hat Sie die meisten Nerven gekostet? Fidel Castro?

JÖRG-PETER SELLMANN: Der war verschwunden und alle haben ihn gesucht. Und er hat seine Runden in unserem damaligen Meeresbrandungsbad geschwommen.

Wer ist ein netter, umgänglicher Promi?

MICHAEL SELLMANN: Udo Lindenberg. Der ist in die Küche gekommen und hat einen Drink mit uns genommen. Oder Don King. Der hat nach seinem Eisbein geschrien.

Hört sich nicht nach nett an.

JÖRG-PETER SELLMANN: Der hat es nicht so gemeint. Der saß im Fischrestaurant und wollte sein Eisbein haben. Hat er auch gekriegt.

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