Lädt...
Lädt...
WolfgangStelljes.de

Bad Zwischenahn

Der Tagesspiegel | 12.05.2013

Aal ohne Messer und Gabel

Das Erste, worüber man sich wundert, wenn man sich Bad Zwischenahn nähert, sind die Bäume. Es sind Bäume, die nicht einfach dem Himmel zustreben dürfen, sondern die von Menschenhand immer wieder kunstvoll zurechtgestutzt werden – eine Landschaft voller runder oder auch eckiger Bäume. Auf die „Parklandschaft Ammerland“ weisen bereits an der Autobahn große Schilder werbewirksam hin.

Das Nächste, worüber mancher sich vielleicht wundert, ist das Wörtchen „Bad“ vor dem Ortsnamen. Ein Kurort hier, in dieser unspektakulär flachen Gegend zwischen Oldenburg und Ostfriesland, wo doch die meisten Kurorte hier an der Küste liegen? Ja, allerdings nicht, weil frische Nordseeluft herüberweht oder irgendwelche Sole- und Schwefelvorkommen ihre gesundheitsfördernde Wirkung entfalten – es ist das Moor, dem Zwischenahn den Titel „Heilbad“ verdankt.

Und reine Moorheilbäder sind selten.

Womit wir bei Rudolf Lüers wären. Lüers gehört zu den Menschen, deren Wirken öffentlich kaum wahrgenommen wird, die jedoch maßgeblich dazu beitragen, dass im Moorheilbad alles seinen geregelten Gang geht. Der Arbeitsplatz von Lüers liegt am Ende einer langen Straße, holprige Spurplatten führen zu einem einsamen Gebäude mitten im Kayhauser Moor. „Außenstelle Moor, Lüers. Moin“, so meldet sich der 63-Jährige, wenn das Handy klingelt. Es ist gewissermaßen seine Verbindung zur Außenwelt. Seit 33 Jahren arbeitet Lüers im Moorabbaugebiet des Rehazentrums Bad Zwischenahn. Wobei auch er einen Winter wie den vergangenen noch nicht oft erlebt hat.

Der Frost hat ihm das Leben schwergemacht. Umso froher war er, als er Anfang April endlich ein „Kiwitt, Kiwitt“ vernahm. Der Kiebitz ist ein Frühlingsbote – und endlich konnte Lüers den wärmenden Filzhut absetzen. Und im Mai wieder auf den Bagger klettern und Bademoor abgraben. Der Rohstoff für die Behandlung rheumatischer und anderer Erkrankungen wird mit Trecker und Anhänger ins Kurzentrum am Zwischenahner Meer befördert und dort für Packungen auf 42 Grad erhitzt oder aber für Moorbäder mit Wasser verdünnt. „Sonst kann man da nicht drin baden“, sagt Lüers.

Wenn die Kurgäste dem wohltuenden Bad wieder entstiegen sind, wird das Moor über eine Pipeline zurück zu Rudolf Lüers befördert. Der lagert es ein, in riesigen Moorschlammbecken, hundert mal hundert Meter groß, vor denen Schilder mit der Aufschrift „Achtung, Lebensgefahr“ stehen. Nach gut zehn Jahren kann in dem Moor dann erneut gebadet werden. Es gab Zeiten, da hat Lüers mehr als 10 000 Kubikmeter Bademoor im Jahr geliefert. Jetzt sind es vielleicht noch 1500. Doch selbst wenn es jetzt kürzere Kurzeiten und weniger Moorbäder gibt – ruhig geht es deshalb im Kurort noch lange nicht zu. Denn es gibt ja auch noch andere Therapien im Rehazentrum. Und es gibt nicht nur die Kurgäste, sondern auch ganz normale Urlauber. Und Tagesgäste. Viele Tagesgäste.

Wer Bad Zwischenahn an einem gewöhnlichen Sonntag im Frühling besucht, kann sich über den Andrang nur wundern. Sicher, die Geschäfte dürfen sonntags öffnen, wie in anderen niedersächsischen Kurorten auch. Doch das allein kann den Reiz nicht erklären, den der Ort vornehmlich auf ältere Menschen ausübt. Vielleicht ist es der Hauch von Urlaub, noch dazu vor der eigenen Haustür, der Naherholungssuchende in Scharen nach Bad Zwischenahn treibt. Wohl kein Besucher versäumt, durch die Peterstraße zu flanieren. Dabei mutet der Ort hier an wie eine ganz normale Kleinstadt.

Das andere, schönere Gesicht von Bad Zwischenahn entdeckt, wer sich ein paar Schritte vom geschäftigen Treiben entfernt. Zwischen der St.-Johannes-Kirche mit ihrem Flügelaltar, einem Meisterwerk mittelalterlicher Holzschnitzkunst, und dem Freilichtmuseum Ammerländer Bauernhaus erstreckt sich der Kurpark. Er liegt unmittelbar am Südufer des Zwischenahner Meeres, dem drittgrößten See in Niedersachsen nach dem Steinhuder Meer und dem Dümmer.

Im Kurpark freut sich der Gast über einen freien Zugang zum See und eine weitgehend unverbaute Uferlinie. Schmucke strahlend weiße Jugendstilvillen und das Alte Kurhaus geben dem Ort fast etwas Mondänes. Dann, ein paar Meter weiter, ein ganz anderer Eindruck: 14 überwiegend reetgedeckte Gebäude lassen den Besucher eintauchen in die bäuerliche Lebenswelt um 1700. Und doch steuern die meisten Gäste im Freilichtmuseum vermutlich geradewegs den Spieker an. In dem ehemaligen Speicher hat sich eine Traditionsgaststätte etabliert – und der Verzehr eines geräucherten Aals gehört hier zum touristischen Pflichtprogramm.

Traditionalisten essen den „Smoortaal“ ohne Besteck. Vorsichtshalber krempelt man sich erst einmal die Ärmel hoch, pellt dann die Haut vom Aal, hält sich den Fisch quer vor die Nase und verzehrt ihn Stück für Stück. Am Ende, wenn nur noch die Gräten übrig sind, kommt der Kellner und gießt Weizenkorn in die hohle Hand des Gastes – das beseitigt das Fett. Dann hebt der Kenner nicht etwa das Glas, sondern einen Zinnlöffel und bringt folgenden Trinkspruch aus: „Ick seh di! – Dat freit mi! – Ick sup di to! – Dat do! – Prost! – Ik heb di tosapen! – Hest’n Recht’n drapen!“ Mehr noch als über solche Ess- und Trinksitten wundert sich der unbedarfte Gast vermutlich über die Inschrift einer Urkunde an der Spiekerwand: 16 Smoortaale soll hier im Februar 1995 ein Gast aus Murmansk vertilgt haben – bis heute ein einsamer Rekord.

Der Aal gehört zum Zwischenahner Meer wie die Currywurst zu Berlin. Bereits vor gut 900 Jahren lieferte Graf Elimar I. von Oldenburg Räucheraale vom Zwischenahner Meer ins Kloster Iburg. Und wie vor Hunderten von Jahren gibt es auch heute noch Aale, die in den Tiefen des Sargasso-Meeres, also bei den Bermudas und Bahamas, aus dem Ei schlüpfen und sich dann mit dem Golfstrom bis vor die Küsten Europas treiben lassen. Und die dann, fast durchsichtig noch, über die Ems und andere Flüsse ins Zwischenahner Meer gelangen.

Allerdings kann der Bedarf an Aalen heute nur durch das Aussetzen von „vorgestreckten Aalen“ gedeckt werden, sagt Jürgen Oetken, der gemeinsam mit seinen Eltern die Fischerei Rabben in Dreibergen betreibt. Die Oetkens sind die letzten Berufsfischer am Zwischenahner Meer. Acht Jahre braucht so ein Aal, bis er geschlechtsreif ist und sich genügend Fettreserven angefuttert hat. Eigentlich drängt es ihn nun zurück ins Sargossa- Meer, doch diesen Weg versuchen die Oetkens zu kreuzen. Wenn es ihnen gelingt, dann hat das letzte Stündlein des Aals geschlagen. Eine Nacht noch in Salz, dann zwei oder drei Stunden über Buchen- und Erlenholz, ein uraltes, wohldosiertes Rauchverfahren in einem gemauerten Ofen, und er kommt auf den Teller oder zwischen zwei Brötchenhälften.

So ein Aal ist auch genau die richtige Grundlage für eine ausgedehnte Radtour. Dabei kann man sich dann die zurechtgestutzten Bäume aus der Nähe ansehen. Das Ammerland ist eines der größten zusammenhängenden Baumschulgebiete der Welt, auch dank des Moorbodens und eines milden Klimas. Alljährlich im Frühsommer wandelt sich die ganze Region in einen riesengroßen Freiluftgarten. Rhododendren und Azaleen, oft meterhoch, sorgen dann für Farbe in einer ansonsten sattgrünen Landschaft. Ein buntes Feuerwerk – bis Mitte Juni.

← zurück zur Übersicht ↑ nach oben