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Europas kleinste Sprachinsel

Die Welt | 09.05.2015

Niemand weiß genau, wie viele es noch sind. Sind es wirklich noch über 2000, die Saterfriesisch sprechen? Oder 1800? Oder doch weniger? Am Ende vielleicht nicht einmal mehr 1500? Nur eines wissen sie alle ganz genau: Vor 25 Jahren waren die Dörfer im Norden des Oldenburger Münsterlandes an der Grenze zu Ostfriesland „die kleinste Sprachinsel in Europa“. Das haben sie schwarz auf weiß, ein Eintrag im „Guinnessbuch der Rekorde“, jawohl, die Urkunde hängt im Rathaus. Und darauf sind sie bis heute stolz, auch wenn sie es nicht groß feiern. 

Machen wir uns also auf die Suche nach einem Menschen, der noch Saterfriesisch spricht, einem der letzten Verbliebenen. Ein Anruf beim Bürgermeister der Gemeinde Saterland: Nun ja, Plattdeutsch könne er schon, sagt Hubert Frye, damit sei er aufgewachsen, aber Saterfriesisch – nein, da müsse er passen, das seien zwei verschiedene paar Schuhe. „Es gab ja leider Zeiten, Mitte der 70er- bis Mitte der 80er-Jahre, da war es eher verpönt, die Sprache zu sprechen.“ Man befürchtete Nachteile im späteren Leben. Selbst das Plattdeutsch wollten sie ihm austreiben: „Meine erste Fremdsprache war Hochdeutsch.“ 

Und Bernd Stolle, der Initiator des Eintrags ins „Guinnessbuch der Rekorde“? Spricht wenigstens er ein lupenreines Saterfriesisch? Auch hier Fehlanzeige. Seine Mutter kann es noch, aber dann ist auch hier der Faden gerissen. Aber Antonius Kanne, der muss es können. Kanne ist ein Vereinsmensch, nicht untypisch in dieser Region. Als Vorsitzender des Boßel- und Beiervereins sorgt er dafür, dass an hohen kirchlichen Feiertagen die Kanonen krachen und die Kirchenglocke per Hand geschlagen wird. Und als Vorstandsmitglied im Seelter Buund, dem Heimatverein, kümmert er sich um den Erhalt des Saterfriesischen. Die acht Strophen der saterfriesischen „Nationalhymne“ kann zwar auch er nicht mehr auswendig, aber fließend sprechen – kein Problem. 

Kanne kann auch erklären, warum die Sprache die Jahrhunderte überdauert hat. „Das Saterland war ja praktisch eine Insel im Moor. Wir sind hier auf einem Sandrücken und rundherum sind riesige Moorflächen. Früher war das Saterland abgeschnitten von der Außenwelt.“ Die erreichte man nur mit dem Schiff über die Sagter Ems. Oder zu Fuß, wenn das Moor im Winter gefroren war. Dank der Insellage im Moor wurde die Mundart im wahrsten Sinne konserviert. 

Doch der Rest der Welt rückte langsam näher. Mit den Mooren wurde auch die Zahl der Menschen, die „Seeltersk“ sprechen, immer kleiner. Daran konnte selbst der Pfarrer nichts ändern, der das Hochamt, pardon: die „Homisse“, auf Saterfriesisch abhielt. Zur Vorbereitung legte er sich nachts ein Tonband unter das Kopfkissen, mit einer eigens für ihn übersetzten Predigt. Die hatte Marron C. Fort eingesprochen, ein Sprachwissenschaftler aus Boston, der manch einen Saterländer an Harry Belafonte erinnerte, als er vor rund 40 Jahren das erste Mal auf der Sprachinsel erschien. Fort hat es sich zur Aufgabe gemacht, das bedrohte Saterfriesisch wenn schon nicht zu retten, dann wenigstens zu dokumentieren. Der „Professor“, wie er von den Einheimischen genannt wird, übersetzte zum Beispiel das Neue Testament und die Psalmen ins Saterfriesische, dank seiner Hilfe konnte der Pfarrer das Vaterunser auf Saterfriesisch präsentieren: „Uus Baabe in ’n Heemel, hilliged wäide din Noome. Dien Riek kume ...“ Einstimmen konnten dabei vermutlich nur die älteren Kirchgänger – außer beim „Amen“, das verstand jeder. 

Ist es schon schwer genug, einen Menschen zu finden, der Saterfriesisch spricht, so gleicht es geradezu einem Glücksspiel, einen Menschen zu finden, der diese Sprache auch noch schreiben kann. Meist fällt dann ein Name: Margaretha Grosser, die alle nur „Gretchen“ nennen. Sie ist eher klein von Wuchs, nicht einmal 1,60 Meter, aber trotzdem so etwas wie die große alte Dame des Saterfriesischen, auch wenn sie sich selbst nie so nennen würde. Vor ihrem Haus in Ramsloh, einem dieser typischen Siedlungshäuser aus rotem Backstein, weht die Flagge der Friesen. Meist hockt die Achtzigjährige vor ihrem Computer, denn einfach nur herumsitzen und „unserem Herrgott den Tag stehlen“, das kann sie nicht. Also tummelt sie sich bei Facebook oder übersetzt Bücher ins Saterfriesische, den „Struwwelpeter“ („Tuusterpäiter“) zum Beispiel, „Die litje Prins“ von Antoine de Saint-Exupéry und „Die fljoogende Klassenruum“ von Erich Kästner. Wenn doch nur die Eltern mit ihren Kindern von klein auf Saterfriesisch sprechen würden, dann hätte die Sprache auch eine Chance, glaubt Gretchen Grosser. 

Nein, noch haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben. Und es gibt Dinge, die ihnen Mut machen. 1999 ist die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in Kraft getreten, Saterfriesisch genießt nun als anerkannte Minderheitensprache einen besonderen Schutz und ein Recht auf Förderung. Ein Jahr später wurden im Saterland die Ortsschilder ausgetauscht, Besucher werden jetzt in Ramsloh/Roomelse, Strücklingen/Strukelje, Scharrel/Schäddel und Sedelsberg/Seedelsbierich zweisprachig empfangen. Im Kindergarten oder in der Schule lernen die Kinder freiwillig Saterfriesisch. An der Grundschule in Scharrel gibt es sogar bilingualen Unterricht, zum Beispiel in Mathe. „Gouden Mäiden“ oder „Gouden Dai“ ist die Begrüßung. Wenn die Lehrerin ein Wort nicht weiß, kann sie im neuen Wörterbuch von Professor Fort nachschlagen, das auf 819 Seiten rund 25.000 Begriffe vereint. Dass es ein Vorteil ist, wenn Kinder zweisprachig aufwachsen, „ist ja mittlerweile erwiesen, wissenschaftlich auch“, sagt Antonius Kanne. Auch Bürgermeister Frye unterstreicht: „Saterfriesisch ist heute wieder schick.“ 

Und wenn man als Tourist mal ein paar Brocken hören möchte? Dann radelt man am besten einmal quer durch das Saterland. Radwege gibt es genug, sie gehören zur Moor-Erlebnisroute, zur Deutschen Fehnroute oder zur Boxenstopp-Route. Dabei kommt man fast unweigerlich mit Leuten ins Gespräch. Zwei Stopps sollte man allerdings ganz gezielt einlegen: bei der Johanniterkapelle in Bokelesch und bei der Moorbahn im Westermoor. Die kleine Kapelle aus dem 13. Jahrhundert ist eines der letzten Zeugnisse einer einst vielfältigen friesischen Klosterlandschaft. Sie war das geistige Zentrum einer Ordensgemeinschaft, über deren Wirken man sich im ehemaligen Pfarrhaus gleich nebenan informieren kann. Eine Ahnung von der Landschaft zu Zeiten der Johanniter bekommt, wer sich mit dem „Seelter Foonkieker“, einer Lorenbahn, ins Moor wagt. Das darf man aber nur in Begleitung eines so kundigen Gäste- und Lokführers wie Ludger Thedering. Er erzählt, wie das Moor gewachsen ist, wie der Torf abgebaut und genutzt wird und was am Ende mit den abgetorften Flächen passiert – immerhin soll hier die größte zusammenhängende Renaturierungsfläche Europas entstehen. Vor allem aber sind die Besucher fasziniert von der Weite des Moores. Und von der Stille. Nur ein paar Vögel sind zu hören. Und Ludger Thedering, der auf Wunsch auch ein paar Worte auf Saterfriesisch verliert. Denn er gehört tatsächlich zu den wenigen, die es noch können.

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