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Bornholm

Nordwest-Zeitung | 16.04.2016

Ganz Eilige könnten Bornholm an einem Tag umrunden, wenn sie ihr Auto nicht allzu oft verlassen. Zuhause könnten sie dann erzählen, dass die Insel im Wesentlichen aus bunten Fachwerkhäusern, Heringsräuchereien und einigen abseits gelegenen Rundkirchen besteht. Insgeheim allerdings wären sie wohl ein wenig betrübt, weil sie die Burgruine von Hammershus – es ist die größte Skandinaviens – nicht in Ruhe besichtigen konnten. Oder weil sie Gudhjem, ob seines südländischen Flairs einer der beliebtesten Orte der Insel, links liegenlassen mussten. Und wer Svaneke ignoriert, die dänische Stadt, in der die Sonne zuerst aufgeht, dem entgeht ein wahres Kleinod mit preisgekrönter historischer Bausubstanz.
Nein, wer Bornholm kennenlernen will, der muss ein paar Tage Zeit mitbringen. Weil er nur dann erfährt, warum genau Svaneke 2013 zur schönsten Kleinstadt Dänemarks gekürt wurde. Und weil er nur dann die Muße für Spaziergänge findet. So hat zum Beispiel eine Wanderung an der Nordwestküste gerade an stürmischen Tagen ihren Reiz. Ein ums andere Mal brechen sich schaumgekrönte Wellen an der zerklüfteten Granitküste. Früher sind hier immer wieder Schiffe gestrandet. Die Besatzungen retteten sich an Seilen, die ihnen die Insulaner mit Harpunen von Rettungsstegen aus zuschossen. Ein solcher Steg schlängelt sich zwischen Gines Minde und Vang durch die Klippen – es ist einer der schönsten Wanderwege auf der Insel. Bei guter Sicht blickt man hinüber nach Schonen, der knapp 40 Kilometer entfernten schwedischen Provinz.
Nicht minder reizvoll ist eine Wanderung durch die Spaltentäler der Paradieshügel im Osten der Insel. Und sollte die Sonne mal wieder unerbittlich vom Himmel brennen, empfiehlt sich eine Tour durch das Tal der Kobbeå. Neben dem Flüsschen schlängelt sich der Pfad durch einen schattigen, angenehm kühlen Wald. Rund 1,5 Stunden Fußweg liegen zwischen der Ostsee und einem Wasserfall, der für dänische Verhältnisse beeindruckende vier Meter in die Tiefe rieselt. Am Ende sollte man nicht versäumen, einen Blick in die Rundkirche von Østerlars zu werfen – sie ist die größte und wohl auch schön­ste auf Bornholm und thront auf einem Hügel­rücken oberhalb des Tals.
In den kleinen Inselorten geht das Leben angenehm unaufgeregt zu. Fast überall kann man kostenfrei parken. Und selbst eingeschworene Fast-Food-Freaks verwinden die Tatsache, dass es auf der ganzen Insel keine einzige McDonalds-Filiale gibt, vermutlich dank Hotdog oder Hering. Letzterer ist im geräucherten Zustand ein Hochgenuss. Vor der Hasle Røgeri, die von rund 600.000 Gästen pro Jahr aufgesucht wird, herrscht selbst im Hochsommer nur selten Gedränge. Morgens um 6 Uhr schichten sie hier das Erlenholz auf. Dann kommen die Heringe auf die Stange, immer Kopf an Kopf, das ist Bornholmer Tradition. Und dann muss der Mitarbeiter nur noch die Flamme im Auge behalten: Ist sie zu hoch, droht der Fisch herunterzufallen, ist sie zu niedrig, dauert das Räuchern zu lange und die Urlauber werden unruhig. Ab 10.30 Uhr gibt’s warmen Hering, goldgelb geräuchert und frisch von der Stange.
Wer im Urlaub gern anderen Leuten bei der Arbeit zusieht, kann dies bei "Baltic Sea Glass" nahe Gudhjem. Täglich wird in der ehemaligen Hühnerfarm aus glühender Glasmasse mundgeblasene Kunst. Und "Hjorths Fabrik" in Rønne wäre längst pleite, hätte man die Keramikwerkstatt nicht in ein Museum umgewandelt. Bei einem Rundgang demonstrieren Töpfer, wie aus einem Klumpen Ton ein gleichmäßig geformter Apothekerkrug wird.
Auch Bent Petersen zeigt auf Anmeldung gern seine alte Handwerkskunst. Seine Werkstatt liegt in den hinteren Räumen eines unscheinbaren Siedlungshauses am Rande von der Inselhauptstadt. Hier und nur hier werden noch Bornholmer Uhren gefertigt. Die lieferbaren Modelle sind an der Stubenwand aufgereiht. Jede einzelne hat den Gegenwert eines guten Gebrauchtwagens. Rund 20 Uhren verlassen seine Werkstatt im Jahr.
Apropos Uhren: In der Rundkirche von Nykirke, der kleinsten auf Bornholm, befindet sich neben der Kanzel eine Sanduhr. Die wurde früher immer dann, wenn der Pastor die Kanzel betrat, umgedreht. Gottes Wort musste also zügig verkündet wer­den, denn der Sand, der unaufhör­lich durch den schmalen Hals rieselte, stammte vom Dueodde-Strand im Süden Bornholms. Und dieser Sand ist bis heute der feinste, den man an der Ostsee finden kann. Mitunter wird sogar der Vergleich zur Karibik bemüht. Aber auch diesen Strand bekommt man nur zu sehen, wenn man genügend Zeit mitbringt. Dann aber will man nicht mehr weg.

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