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Auf ein Tässchen Tee in Marrakesch

Westdeutsche Allgemeine Zeitung | 07.05.2016

Ahmed spendiert einen Tee. Einen Gewürztee mit Zimt, Muskatnuss, Nelken, Anis und was sonst auch noch immer, jedenfalls „gesund“. Vielleicht ahnt Ahmed aber auch, dass ich etwas zum Festhalten brauche. Und einen Moment der Ruhe. Wir stehen mitten auf dem Djemaa el Fna, dem berühmten Gauklerplatz von Marrakesch, und vermutlich geht es an keinem anderen Ort in Marokko lebendiger zu. Schon tagsüber tummeln sich hier die Schlangenbeschwörer. Wasserverkäufer in traditionellen Gewändern setzen Touristen für ein Foto bunte Mützen auf, gegen Cash, versteht sind. Kartenlegerinnen prophezeien auf Plastikstühlen die Zukunft, und die geschäftstüchtigen Henna-Malerinnen, vor denen uns Ahmed gewarnt hatte, weil aus einem kleinen Finger schnell eine ganze Hand werden kann, präsentieren Fotos mit ihren Werken.
Am späten Nachmittag werden die ersten Garküchen aufgebaut, Rauch verhüllt die Szenerie. Doch erst jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, schlägt die große Stunde der Musikanten und Märchenerzähler. Mit dem Tee in der Hand lauschen wir den treibenden Rhythmen einer Gnaoua-Band, Hardrocker wie Jimmy Page und Robert Plant ließen sich davon bereits zu einer Session inspirieren.
Die ungekrönten Stars des Gauklerplatzes aber sind die Märchenerzähler. Zu gern würde man sie verstehen. Wie sie es schaffen, ein Märchen, das sich in zwei oder drei Minuten erzählen ließe, mit ganz vielen Gesten und dramaturgischen Schleifen auf eine halbe oder dreiviertel Stunde zu dehnen. Wie sie ihr Publikum fesseln, das zwei Kreise bildet, einen inneren auf kleinen Stühlen und einen äußeren, stehend. Und wie sie, scheinbar tief in ihrer Geschichte versunken, doch jeden neuen Zuhörer aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Kurz darauf wandert wieder ein Hut durch die Reihen, denn auch ein Märchenerzähler will leben. Einige von ihnen haben es zu landesweiter Berühmtheit gebracht, es gibt sogar einen Wettbewerb, bei dem sie den „besten Märchenerzähler des Jahres“ küren, erzählt Ahmed.
Ahmed ist unser Reiseführer und ein „hundertprozentiger Berber“, wie er nicht ohne Stolz betont. Über 60 Prozent der Marokkaner sind Berber, und Marrakesch ist ihre Stadt. Alle wollen nach Marrakesch, es ist die meistbesuchte Stadt Marokkos. Die Altstadt wurde 1985 zum Weltkulturerbe ernannt. Und der Gauklerplatz steht seit 2001 sogar als "Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" in einer neuen UNESCO-Liste, als erster Ort überhaupt.
Dieser Platz ist ein Muss, keine Frage, und doch bin ich froh, dass Marrakesch auch ruhigere Orte kennt. Den Jardin Majorelle in der Neustadt zum Beispiel. Der Modedesigner Yves Saint Laurent kaufte hier zusammen mit seinem Partner Pierre Bergé eine leuchtend blaue Villa mitsamt großem Garten. Damit bewahrten sie nicht nur das künstlerische Erbe des Malers Jacques Majorelle, sondern schufen zugleich eine Oase in der Oasenstadt, die man am besten am frühen Morgen aufsucht, weil man dann noch ungestört auf einer der Bänke dem Vogelgezwitscher lauschen kann, zwischen Kakteen und Palmen aus aller Herren Länder.
Selbst der Bahia-Palast, der als einer der schönsten Marokkos gilt, ist in dieser pulsierenden Stadt ein Ort der Ruhe. Er ist ein Meisterwerk maurischer Baukunst, acht Jahre lang durften sich die besten Handwerker des Landes austoben. Dann, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, waren die Gemächer für den Wesir, seine vier Frauen und 24 Konkubinen gerichtet. Auch wenn nur ein Teil öffentlich zugänglich ist – die Pracht ist überbordend: am Boden Mosaiken, an der Decke Schnitzwerk aus Zedernholz, in der Mitte des Riads der klassische Brunnen aus Marmorstein und drumherum ein Garten, in dem Ingwer und Orangen wachsen. Der Marmor kam übrigens aus Italien, früher tauschte man ein Kilo Marmor gegen ein Kilo Zucker, erzählt Ahmed und tippt sich an die Stirn. Ja, ja, klug waren sie, die Marokkaner: „Der Marmor ist immer noch da“.
Am Ende aber müssen wir doch wieder hinaus ins Getümmel, denn niemand sollte diese Stadt verlassen haben, ohne in den Souks gewesen zu sein. Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch, Stoffe und Schuhe – für alles gibt es auf engstem Raum gleich mehrere Geschäfte. Nur was zahlt man für eine Keramikschale, wenn ein fester Preis fehlt? Dann beginnt ein Procedere, für das man starke Nerven, gute Argumente und ganz viel Zeit braucht – das Feilschen. Das erste Gebot ist jedenfalls nie das letzte Wort.
Originelle Mitbringsel gibt es auch in einer Naturapotheke, in die einen allerdings nur der glückliche Zufall oder ein kundiger Reiseführer wie Ahmed führt. Die „Herboristerie Bab Agnaou“ liegt im langen Schatten des gleichnamigen Stadttores. Wenn Mustafa hier seine Gewürze preist, zum Beispiel den Kreuzkümmel, der marokkanischen Allzweckwaffe gegen verkorkste Mägen, oder den Schwarzkümmel, der, kombiniert mit Ringelblume, angeblich sogar Tränensäcke glättet, dann erblassen selbst gestandene Teppichverkäufer vor Neid. Der Mann ist einfach vom Fach und wahrlich nicht auf den Mund gefallen. Gegen jedes Zipperlein hat er ein Mittel. Gegen Ende seiner unterhaltsamen Verkaufsshow geht Mustafa durch die Reihen seiner vergnügten Zuhörer und versenkt ein Produkt nach dem anderen in die zuvor verteilten Plastiktüten. Nur bei der Argan-Ingwer-Zitronen-Seife ist unsere Gruppe seltsam zurückhaltend, trotz der angeblich aphrodisierenden Wirkung.

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