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Helgoland

Schwäbische Zeitung | 6.06.2014

Was in einer kleinen Trottellumme vorgeht, wissen wir Menschen nicht so genau. Und doch gehört diesem Vogel, der auf den ersten Blick so viel Ähnlichkeit mit einem Pinguin hat, unser ganzes Mitgefühl. Denn gerade in diesen Tagen müssen kleine Trottellummen auf Helgoland wieder allen Mut zusammennehmen. Knapp drei Wochen sind seit ihrer Geburt vergangen, eine Zeit, in der sie fast regungslos ausgeharrt haben auf den schmalen Felsvorsprüngen und in den Nischen an der Südwestküste Helgolands, rund 50 Meter über der Nordsee. Doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen: Sie müssen springen.
Und so nähert sich eine kleine Trottellumme nach der anderen unruhig und flügelschlagend dem Felsrand. Der Vater demonstriert vielleicht noch einmal die richtige Absprunghaltung, die Mutter krächzt ein aufmunterndes „Arrahoorr“, dann endlich segelt der Nachwuchs in die Tiefe. „Viele Tiere knallen ganz heftig aufs Felswatt“, sagt Jochen Dierschke, der Leiter der Inselstation der Vogelwarte Helgoland. Doch keine Sorge: Zum einen bremsen die Stummelflügel den freien Fall, zum anderen hat die Trottellumme ein Art Knautschzone mit Federkern, die die Wucht des Aufpralls mindert.
Beobachten lässt sich der Lummensprung fast nur in der Dämmerung, vor allem an windstillen Abenden, sagt Dierschke. Das allerdings heißt: Man kommt an einer Übernachtung auf der Insel nicht vorbei. Genau das ist ohnehin die beste Empfehlung, die man einem Helgoland-Reisenden geben kann: Ignorieren Sie einfach all die gruseligen Geschichten von stürmischen Überfahrten und einem Inselkoller, der sich schon nach kurzer Zeit einstellt. Hören Sie nicht hin, wenn mal wieder die ganz alten Kamellen vom „Fuselfelsen“ bemüht werden. Man sollte nicht alles glauben, was die Leute so erzählen. Auch wenn man auf Helgoland immer noch zoll- und mehrwertsteuerfrei einkaufen kann und sich der sparsame Inselbesucher freut, wenn er beim Kauf eines guten Whiskeys oder edlen Parfüms die Kosten für seine Überfahrt raus hat – echte Helgoland-Fans kommen inzwischen aus ganz anderen Gründen. Sie wollen sich vor allem erholen. Und die Voraussetzungen dafür sind gut. Man muss nur ein paar einfache Regeln beherzigen.
Gegen Mittag, wenn kräftige Männer die Börteboote klar machen, um Hunderte von Tagesgästen von den Seebäderschiffen abzuholen, sollte man sich zum Beispiel lieber zurückziehen und ein Nickerchen machen. Oder ein paar Runden im beheizten Meerwasser-Freibad drehen. Oder mit der Fähre zur Düne fahren. Die kleine, flache Nachbarinsel ist so etwas wie ein Naherholungsgebiet für ruhebedürftige Insulaner. Am Strand dösen eigentlich immer ein paar Seehunde. Und selbst die Kegelrobben, die fast als ausgestorben galten, bringen hier wieder Junge zur Welt. An keinem anderen Ort in Deutschland kann man dieses Raubtier – es ist das größte in unseren Breiten – so gut beobachten und sich ihm in freier Natur bis auf 30 Meter gefahrlos nähern.
Gegen 16 Uhr hat dann auch der letzte Tagesgast den „Roten Felsen“ wieder verlassen. Endlich kein Anstehen mehr bei den Fischbrötchen. Endlich wieder ein freier Blick auf die Lange Anna. Deutschlands einziger freistehender Felsenturm ist aus Buntsandstein und porös wie ein Zwieback. Ob das Wahrzeichen der Insel irgendwann in sich zusammensacken wird, wie lange Zeit von den Helgoländern befürchtet, oder aber den Winden und der salzhaltigen Luft standhält – niemand weiß es.
Ein paar Meter weiter, beim Vogelfelsen, beugen sich eigentlich fast immer ein paar Menschen über den Klippenrand. Es sind Fotografen, stets auf der Suche nach dem besten Motiv und dem richtigen Augenblick. Vor allem morgens und abends schultern sie ihre Objektive, groß wie Ofenrohre, und geben sich oberhalb des weltweit kleinsten Naturschutzgebietes ein Stelldichein. Auch dem Ungeübten gelingen hier beeindruckende Naturaufnahmen, Trottellumme, Tordalk, Dreizehenmöwe und vor allem Basstöpel sind schließlich nur wenige Meter entfernt.
Dass es sich beim Oberland eigentlich um eine Kraterlandschaft handelt, daran verschwendet hier kaum jemand einen Gedanken. Am 18. April 1945 luden rund 1000 britische Bomber ihre Fracht über Helgoland ab. Wie die Insulaner diesen Tag erlebten, lässt sich erahnen bei einer Bunkerführung. Eine Führung durch das Stollensystem – Helgoland ist löchrig wie ein Schweizer Käse – ist genau das Richtige für Tage, an denen es mal regnet. Man kann es also durchaus eine Weile aushalten auf Deutschlands einziger Hochseeinsel. Nur das Nachtleben ist ein bisschen dürftig, obwohl es sich bei der „Diskothek Krebs“ auf dem Oberland um die älteste Disko Deutschlands handelt, in der noch aktiv das Tanzbein geschwungen wird. Aber deswegen fährt ja auch kaum jemand nach Helgoland.

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